Training: „Interkulturelle Kompetenz – eine Frage der Haltung“

Dass die Arbeit mit Flüchtlingen nicht einfach ist, merken Ehren- wie Hauptamtliche aus diesem Bereich immer wieder. Einerseits ist es natürlich das Ziehen von Grenzen zwischen der Arbeit und dem Privatleben, das so wichtig ist, um trotz der oftmals aufwühlenden Arbeit auch weiterhin arbeitsfähig zu bleiben, das vielen schwerfällt. Andererseits treffen hier auch komplett verschiedene Welten aufeinander – viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, die vielen von uns – wenn nicht fremd, dann – zumindest exotisch vorkommen. Hier ist es wichtig, sich eine bestimmte Haltung anzueignen, genannt interkulturelle Kompetenz und genau zu diesem Thema fand am Samstag, den 26.11 eine Schulung statt.
Die Geburt war etwas schwierig: Den Weg zu finden schien, trotz der Schilder, die eigens für den Tag aufgestellt worden waren, schwerer zu sein als man sich hätte vorstellen können. Und so begann die Veranstaltung erst einige Minuten später, als eigentlich geplant war. Damit hatte sich bereits das Klischee des pünktlichen Deutschen als falsch heraus gestellt. So sind wir dann bereits beim Thema: Interkulturelle Kompetenz. Hinter diesem Begriff verstecken sich mehrere Aspekte, so auch Vorurteile und Stereotype, oder besser gesagt das Erkennen dieser.
Den Anfang aber machte Herr Kühn, Zentrumsleitung des Caritas-Zentrums Landau, mit seiner Begrüßung. Mit dabei waren für das Caritas-Zentrum Landau ebenfalls Frau Grünstäudl-Phillipi, die für die Betreuung der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit zuständig ist und ich, Matthias Rinck, Bundesfreiwilligendienstleistender. Außerdem nahmen etwa 15 Ehrenamtliche an der Schulung teil, von denen zwei selbst aus dem Iran geflüchtet sind. Danach stellten sich die beiden Referierenden vor. Frau Barnewitz, die bereits eine erfolgreiche Schulung für die Caritas geleistet hat, studierte Psychologie an der Universität Konstanz und macht eine Weiterbildung in systemischer Therapie und Beratung. Außerdem ist sie Schauspielerin im Improtheater Konstanz. Herr Schwarz, der Politik- und Verwaltungswissenschaften ebenfalls an der Universität Konstanz studierte. Auch er spielt Improvisationstheater und ist seit 2014 sogar Trainer dafür.
Den Tag gestalteten die beiden mit uns dementsprechend spielerisch, so auch das Namenlernen am Anfang. Dann ging es aber gleich in die Arbeitsphase: In einer Plakatrunde wurden von den Teilnehmenden einige Fragen erörtert, wie „Was heißt interkulturelle Kompetenz für dich?“ oder „Was ist Kultur?“. Auch die Frage, was das Ehrenamt – oder auch die hauptamtliche Tätigkeit – in der Flüchtlingsarbeit so schwierig macht, ist ja eine, die den ganzen Tag durchzog. Viele interessante Aspekte wurden zu diesen Fragen genannt. So formulierte eine Teilnehmerin, Kultur sei „der Nährboden, auf dem das Individuum“ wachse. Als Einstieg in die Interkulturalität bekamen alle einen Zettel, auf welchem entweder eine tatsächlich irgendwo in der Welt praktizierte, oder aber eine vollkommen erfundene Begrüßungsform stand, die wir, durch den Raum gehend, bei anderen anwenden sollten. Auch hier gab es wieder viel Gelächter, wenn man seinem Gegenüber als Begrüßung beispielsweise über die Füße strich. Danach erarbeiteten wir uns über verschiedene Modelle (Eisberg- oder Rucksackmodell) und Diskussionen den Kulturbegriff. Dann gab es ein weiteres Spiel, Assoziationsspiel genannt, wo es darum ging zu erkennen, wie unterschiedlich unsere Vorstellungen eines bestimmten Begriffes sind, wie viel wir also von unserer „persönlichen Kultur“ geprägt sind. Dazu sollten wir eine Begriffskette bilden, jemand sollte mit einem Wort beginnen und der nächste sagte eines, das ihm dazu in den Sinn kam. Dann begann die verdiente Pause, wo wir uns alle stärken konnten.
Nach dem Mittagessen ging es auch wieder mit einem Spiel los, wo wir uns ganz auf unser Gegenüber verlassen sollten. Über ein Schauspiel, wo ein Mann auf einem Stuhl sitzt und von einer Frau etwas zu essen bekommt, näherten wir uns dem Thema Attribution, dem Zuschreiben von Eigenschaften, und damit einhergehend oft auch Stereotypen und Vorurteilen. Nicht wie vermutet die Frau war hier die Untergebene, sondern der Mann, der in dieser Kultur das Essen auf Genießbarkeit prüfen muss. Und so waren viele von uns auch hier in die Vorurteilsfalle getappt. Dieser Abschnitt endete dann mit einer Besonderheit: Die Ehrenamtliche aus dem Iran hatte für den Tag eine Süßigkeit aus ihrem Heimatland mitgebracht, die dann alle zusammen essen konnten, um so ein Stückchen Interkulturalität zu kosten.
Danach neigte sich der Tag mehr und mehr dem Ende zu. Der letzte Block war ganz der Wahrnehmung verschrieben. Deshalb begann er auch passenderweise mit einer optischen Täuschung, dem Bild einer alten Frau – oder doch einer jungen? Ganz einig wurde man sich nicht. Und so endeten wir mit einem Begriff, der für die interkulturelle Kompetenz äußerst wichtig ist: Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit akzeptieren zu können, dass es Momente geben kann, wo es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern wo Widersprüchlichkeiten möglich sind. Die Gruppe beschloss diesen ereignisreichen Tag aber auch mit der Erkenntnis, dass es Grenzen geben muss, die nicht überschritten werden dürfen. Fraglich bleibt aber, wo diese Grenzen zu ziehen sind, dass man nicht versucht einfach starr auf der eigenen Meinung zu beharren, sondern tatsächlich das Beste für alle Beteiligten im Blick hat. So war diese Schulung ein Schritt in die richtige Richtung, da er den Blick für dieses Thema geöffnet hat und die Beteiligten dazu verleitet, bewusst über das Thema nachzudenken und sich diese Haltung vielleicht auch zu eigen zu machen. Interkultureller Kontakt ist schwierig, kann aber auch ungemein bereichernd sein – beispielsweise, wenn jemand etwas Leckeres kocht. Und so wahr uns Vorurteile doch manchmal erscheinen mögen: Wir sehen oft nur, was wir sehen wollen und so fällt uns gar nicht auf, wenn auch Deutsche einmal zu spät sind.

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